Japan – Free Willy & Eat Bambi?

Flag_of_Japan.svg2008 hatte ich das Glück, zu einer Japanreise eingeladen zu werden. Japan ist für mich eines der faszinierendsten Länder der Welt, wo starre Rituale neben wilden Exzessen bestehen können, ohne dass jemand mit der Wimper zuckt. Und wo das Essen zu einer Kunstform erhoben wurde. Unter dem Titel „Pilgertour zur Badewanne“ habe ich damals auch einen kurzen Text veröffentlicht. Die japanische Liebe für das Baden finde ich fantastisch, denn ich bade auch für mein Leben gerne. Ein perfekter Urlaubstag für viele Japaner besteht in einem Frühstück, zu dem es bereits Sushi und Bier gibt und anschließendem Relaxen in einer der unzähligen heißen Quellen. Das kommt meinem Traumurlaub auch recht nahe.

Eine der vielen Erfindungen, die wir den Japanern verdanken, ist das Kaiten-Sushi. Bei dieser Form des Essens sitzt man an einer langen Bar, während vor der Nase ein Förderband vorbeifährt, auf dem einzelne Teller mit Sushistücken liegen. Von einem regionalen Tourismusverband eingeladen, kam auch ich in diesen Genuss.

Auch in Deutschland gibt es mittlerweile schon seit längerem Kaiten-Sushirestaurants. Verglichen mit Japan ist das Sushi-Angebot in Deutschland aber natürlich nur ein müder Abklatsch. Was dort an mir vorbeifuhr, hatte ich teilweise noch nie zuvor im Leben gesehen. Zum Glück hatte ich neben mir einen Tourismus-Manager, der mir alles erklärte: Gunkan-Sushi mit winzigen, ganzen Fischen, Otoro, der fette Bauchlappen des Thunfisches, der unglaublich zart schmeckt, verschiedene Muscheln, Tintenfische und noch allerlei weiteres erquickliches Getier.

Dann kam ein dunkelrotes, stark marmoriertes Stück Sushi vorbeigefahren, bei dem mein Begleiter plötzlich anfing zu stottern. Er wisse auch nicht genau, was das sei. Lieber solle man das nicht essen, denn vielleicht sei das für europäische Mägen zu ungewohnt. Erst später begriff ich, dass dort ein Stück Walfleisch an meiner Nase vorbeigefahren war.

Ich habe es damals nicht gegessen. Seitdem frage ich mich aber immer wieder, ob ich es wohl probiert hätte, wenn ich gewusst hätte, was es ist. Mit einem meiner Brüder hatte ich vor der Reise diskutiert, ob ich Walfleisch essen würde und vor allem, ob ich dann darüber schreiben würde. Er meinte, das sei bei der aktuell vorherrschenden Meinung so etwas wie journalistischer Selbstmord. Ich hielt dagegen, dass ich Walfang grundsätzlich „humaner“ finde als Massentierhaltung. Letztlich folgte ich aber doch seinem Rat.

Meine grundsätzlichen Zweifel aber bestehen weiter. Warum ist es bei uns gesellschaftlich akzeptiert, Hühner oder Schweine in Ställen zu halten, die nicht zu Unrecht mit KZs verglichen werden? Die Jagd auf Wild ist ebenso legal und verhilft uns zu leckeren Genüssen wie Rehkeule oder Wildschweinbraten. Wale aber soll man nicht jagen dürfen, obwohl es seit tausenden von Jahren weltweit praktiziert wird, und bis heute beispielsweise in Japan und Norwegen. Empfindet ein Wal mehr Schmerz als ein Reh? Ist ein Wal wertvoller, weil er singen kann und mutmaßlich intelligenter ist als ein Reh? Ist „free Willy & eat Bambi“ also die Lösung? Wer sich für diese Fragen auch interessiert, findet unter dem Thema „Das falsche Essen“ meinen küchenphilosophischen Nachschlag.

2 Gedanken zu “Japan – Free Willy & Eat Bambi?

  1. Als Teenager habe ich mal Walfleisch gegessen. Das war ein kulinarisches Erlebnis. Ich weiß nicht mehr genau, wie es geschmeckt hat, ich weiß nur noch, dass es ein „Wow“-Erlebnis war.
    Mittlerweile habe ich viel gelesen, versuche, aus gesundheitlichen und ethischen Gründen bestimmte Lebensmittel zu meiden.
    Ob ich daher heute noch Walfleisch essen würde, weiß ich gar nicht.
    Nächstes Jahr geht es wieder nach Japan. Ich bin gespannt, ob ich in Versuchung geführt werde.
    Liebe Grüße,
    Mari
    Ach ja, dein Post „Das falsche Essen“ habe ich mit großem Interesse gelesen.

    • Hallo Mari, Du beschreibst den Zwiespalt sehr gut – einerseits bin ich wahnsinnig neugierig, was Geschmäcker angeht. Andererseits sind ethische Zweifel natürlich bei Walfleisch sehr angebracht. Aber zumindest in Deutschland stellt sich diese Frage ja nicht. Sollte es mal wieder die Gelegenheit zu einer Japan-Reise geben (was ich sehr hoffe), dann werd ich die Entscheidung wahrscheinlich auf mich zukommen lassen. Viele Grüße, Markus (und Danke für Dein Lob, das freut mich sehr :-)

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