Küchenphilosophie 3 – Das falsche Essen

shutterstock_130987874Das schlechte Gewissen ist mittlerweile an vielen Esstischen zum Stammgast geworden. Wir schämen uns, weil wir zu fettig essen, weil wir zu süß essen, weil wir zu salzig essen, weil wir zu viel essen, weil wir Tiere essen oder weil wir allein essen. Das ist schade, denn kaum etwas kann so viel positive Energie spenden wie genussvolles Essen.
Die Entscheidung darüber, was das falsche beziehungsweise das richtige Essen für uns ist, beschäftigt mich schon eine Weile. Aus meiner Sicht spielen hier zwei Dinge eine wichtige Rolle:
Das ist zum einen der persönliche Geschmack. Der Geschmackssinn wird von frühester Jugend an geprägt und ist von vielen Faktoren beeinflusst. Wahrscheinlich spielt unsere genetische Ausstattung eine Rolle und ganz sicher die Gegend, in der wir aufwachsen. Während ein südindisches Kind nichts daran findet, höllenscharfe Chilis zu mampfen, würde unsereinem längst der Darm explodieren. Gleichzeitig zeigt das Beispiel auch, dass der persönliche Geschmack nicht für alle Zeiten unveränderlich ist – obwohl Jalapenos & Co. in der frühkindlichen Ernährung bei uns keine große Rolle spielen, werden viele Erwachsene zu Chililiebhabern. Andere dagegen bleiben ihr Leben lang bei ihrer Meinung und finden Schärfe scheiße.

Für den persönlichen Geschmack ist aber nicht nur unsere Zunge verantwortlich. Dort hinein spielen auch ethische, religiöse und kulturelle Aspekte. Moslems und Juden essen kein Schwein, Hindus kein Rind, Veganer kein Tier und Chinesen essen alles. Diese Vielfalt finde ich so lange wunderbar, solange mir niemand versucht, seine Weltsicht überzuhelfen. Denn zum persönlichen Geschmack gehört auch der Mut, sich einzugestehen, dass der eigene Geschmackssinn eben nicht allgemeingültig für alle Menschen und alle Zeiten ist, sondern dass andere Menschen vielleicht anders denken.

Das bringt mich zum zweiten Punkt, der aus meiner Sicht bei der Frage nach dem falschen Essen ganz entscheidend ist – das sind die jeweils gültigen Gesetze. Viele denken jetzt wahrscheinlich „wie langweilig“ oder „wie banal“. Dabei sind Gesetze mit das spannendste, was eine Gesellschaft zu bieten hat. Hier werden die Regeln festgelegt, die sich die Menschen für ihr Zusammenleben geben. Hier wird schwarz auf weiß festgehalten, wer mit wem Sex haben darf oder was wir essen dürfen und was nicht. Ähnlich spannend sind höchstens noch Kochrezepte.

Dass Gesetze so einen langweiligen Ruf genießen, liegt meiner Ansicht nach eher an den Juristen, die entweder zu schreibfaul sind, um die Grundfragen des Lebens auch in spannende Texte zu gießen – oder zu ängstlich, weil jedes Komma vor Gericht tausendfach hin- und hergewendet wird und jede Formulierung über den Ausgang eines Falles entscheiden kann. Ein lobenswerte Ausnahme ist Ferdinand von Schirach – seine Bücher sind juristische Fallgeschichten und trotzdem höllenspannend.

Zum Glück muss uns das hier nicht weiter berühren, denn hier gehts in erster Linie ums Essen. Und die Gesetze in Deutschland regeln in vielen Dingen sehr eindeutig, was wir essen dürfen und was nicht. Der Genuss von Fleisch ist bei uns zum Beispiel grundsätzlich erlaubt. Im Fleischhygienegesetz ist aber geregelt, dass in Deutschland keine Katzen, Hunde oder Affen gegessen werden dürfen. Andere Regeln finden sich im CITES-Artenschutzabkommen und an vielen anderen Stellen.

Worauf ich damit hinaus will: Aus meiner Sicht kann ein Essen nicht falsch sein, solange es a) dem persönlichen Geschmack nicht zuwiderläuft und b) gegen kein Gesetz des Landes verstößt, in dem ich mich gerade aufhalte.
Untrennbar damit verbunden ist der Mut, zum persönlichen Geschmack zu stehen und gleichzeitig die unterschiedlichen Geschmäcker anderer Menschen zu respektieren. Und dazu gehört auch, die Gesetze des Landes zu respektieren, in dem wir uns gerade befinden. Eine der großen Errungenschaften der Demokratie ist die Erkenntnis, dass Gesetze nicht gottgegeben sind, sondern geändert werden können – insofern halte ich den Kampf von Veganern & Tierrechtlern für tierfreundlichere Gesetze für völlig legitim. Und kämpfe meinerseits für das Recht auf verantwortungsvollen Genuss und gegen die Ausweitung der Zone des „falschen Essens“.

6 Gedanken zu “Küchenphilosophie 3 – Das falsche Essen

  1. Einen wesentlichen Faktor bei der Beeinflussung des Geschmackssinn hast Du vergessen: die Medien und die darin veröffentlichten Meinungen. Und die Vorbildwirkung des in den Medien wiedergegebenen. Diese Beeinflussung ist genauso unterschwellig wie die unterstellte (oder auch schon nachgewiesene?) Geschmacksprägung durch die Muttermilch …

    • Vielen Dank für Deine interessanten Kommentare! Mit der prägenden Wirkung von Medien hast Du sicher recht. Ich würde das allerdings der Einfachheit halber mit in den Bereich der persönlichen Geschmacksbildung packen. Wie sehr wir von Werbung beeinflussbar sind, ist ja bei jedem und jeder unterschiedlich.

      Wichtig bei der Unterscheidung in den persönlichen und den öffentlichen (=politisch-gesetzlichen) Teil, ist mir vor allem, wer die Verantwortung dafür trägt, wenn es etwas zu verändern gilt.

      Im persönlichen Bereich trage ich selbst dafür die Verantwortung, zumindest ab einem gewissen Alter. Wenn mir z.B. die Werbung zu viel wird, kann ich den Fernseher abschaffen, Ad-Blocker in den Browser einbauen und den Briefkasten zunageln. In diesen Bereich kann ich schalten und walten, wie ich will, solange ich damit kein Gesetz verletze.

      Im politischen Bereich dagegen haben wir die Verantwortung an Volksvertreter delegiert – hier ist es vergleichsweise schwierig, durch Aktionen als Einzelner etwas zu ändern. Wenn Dich also Werbung nervt und Du z.B. ein generelles Werbeverbot durchdrücken möchtest, dann müsstest Du Dich mit allen Gruppen auseinandersetzen, die dagegen etwas haben.

      Die große Kunst besteht darin, das eine vom anderen zu unterscheiden und den eigenen Weg darin zu finden. Oder wie ein amerikanischer Theologe mal sagte:

      Herr, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
      den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
      und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

      • Das Zitat ist mir auch bekannt. Ich übe mich zur Zeit in einer ausufernden kapitulierenden Gelassenheit. Die Welt geht sowieso unter, also soll es auch Spaß machen. Sowas in der Art hattest Du ja auch schon mal irgendwo zitiert. Ich ziehe mich da gern auf die Position von Waldorf und Stadler zurück: Von einem außenstehenden Standpunkt aus die Szenerie beobachten und kommentieren. Der kleine Unterschied zu den beiden: Mir ist bewusst, dass es echtes Außenstehen nicht gibt, immerhin sind auch die beiden Muppets.

        Natürlich trägt jeder in seinem persönlichen Bereich selbst die Verantwortung für das, was er tut. Die Frage ist nur, ob er das im vollen Bewusstsein der Tragweite oder der Voraussetzungen tut. Dem Menschen an sich – und ich nehme mich da nicht aus – ist eine gepflegte Halbbildung eigen, die dann auch noch subjektiv verfärbt ist. Verstärkt durch eine selektive Wahrnehmung des Wirklichen sieht es mit einer soliden Basis für die eigene Verantwortungsentscheidung eher mau aus. Und wenn das dem Entscheide selbst nicht bewusst ist, was eher die Regel denn die Ausnahme ist, hat man wenigstens einen Ansatz für die Erklärung des Chaoses in der Welt. 😉

        • Ich würde mich selbst als etwas optimistischer einschätzen, ansonsten gefällt mir Deine Beschreibung aber gut. Und die Muppet Show finde ich auch sehr gut, aber es fällt mir sehr schwer, mich auf eine Lieblingsfigur festzulegen. Der dänische Koch, der im Original aus Schweden kommt, ist aber auf jeden Fall so schön absurd lustig. In diesem Sinne: Smörebröd, Smörebröd, römpömpöm

          • Ich bin auch ein grundoptimistischer Typ … sag ich jedenfalls immer von mir und glaube es auch, wenn ich es dann höre. 😉

            Wer von den Muppets meine Lieblingsfigur ist, wüsste ich auch nicht zu sagen, Vossi-Bär wäre da aber sicher ein Kandidat – ich verhaue meine Witze auch manchmal. 😉

  2. Pingback: Japan – Free Willy & Eat Bambi? | Der Küchenphilosoph

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