Sudan – Kamelhöcker vom Grill

Flag_of_SudanDer Sudan, ehemals Afrikas größtes Land. In Deutschland vor allem bekannt wegen der schrecklichen Ereignisse in Darfur und wegen des Bürgerkriegs, der zuerst zwischen Nord- und Südsudan und jetzt innerhalb des Südsudans tobt.
Ich war im Rahmen meines Studiums 2006 für mehrere Monate im Sudan. Auch ich habe dieses Land voller Gegensätze erlebt. Ich bin dort entführt worden und habe gleichzeitig die gastfreundlichsten Menschen getroffen, die ich kenne. Ich habe wunderbare Landschaften und trostlose Städte gesehen. Letztlich greift aber jede Beschreibung zu kurz, dazu waren die Erlebnisse zu vielfältig.
Weil es in meinem Blog aber in erster Linie ums Essen & Kochen gehen soll, blende ich all die anderen Dinge an dieser Stelle ganz einfach aus und berichte Euch über meine Erfahrungen mit der sudanesischen Küche.
Der Sudan ist, zumindest im heutigen Nordteil, ein arabisches Land. Bei vielen herrscht die romantische Vorstellung vor, dass die arabische Küche so vielfältig und voll fremder Gewürze ist, wie wir das aus Marokko und anderen nordafrikanischen Ländern kennen. Das ist leider ein Fehlurteil. Stattdessen sind die Gerichte in vielen zentral-arabischen Ländern sehr zurückhaltend gewürzt, um nicht zu sagen, fade. Allgegenwärtig sind Ful (gekochte Dicke Bohnen) und Falafel (auch Tamiya genannt).
Wenn man aber ein wenig sucht, dann findet man doch immer wieder lokale Besonderheiten. Eine Besonderheit im Sudan war beispielsweise das sogenannte „Bush“ – das ist die Arme-Leute-Variante von Ful. Dazu muss man wissen, das Ful eigentlich schon ein Arme-Leute-Essen ist. Einfach in Wasser gekochte Bohnen, mit etwas Salz und Öl.
Weil die Sudanesen während der Präsidentschaft des „ersten“ Bush (also des Vaters von George Dabbelju) aber teilweise stark unter amerikanischen Sanktionen litten, konnten sich einige nicht einmal die gekochten Bohnen leisten. Stattdessen bekamen sie nur das Kochwasser ab, das dann zusammen mit Fladenbrot und Zwiebeln gegessen wurde. In Erinnerung an den Präsidenten, dem sie dies zu verdanken haben, nannten die Sudanesen dieses Gericht „Bush“ – habe ich schon gesagt, dass ich den sudanesischen Sinn für Humor liebe?
Wie schon in der Überschrift erwähnt, habe ich auch Kamelhöcker probiert – geschmacklich war das jetzt keine Offenbarung, die Art der Zubereitung war allerdings recht interessant. Eine Garküche auf Sudanesisch funktioniert so, dass man sich zuerst einmal einen Koch oder eine Köchin sucht, die auf den Straßen oft vor offenen Kohlefeuern sitzen. Zusammen mit dem Koch geht man dann zum Metzger. In armen Gegenden besteht die sudanesische Variante einer Fleischerei aus einem Lehmhaus mit Loch in der Wand. Dort hängen Fleischstücke, die von vielen Fliegen umschwirrt werden. Zusammen mit dem Koch sucht man sich dann das höckerigste Stück Höcker aus, das der Metzger so zu bieten hat und geht mit dem Einkauf zurück zum Kohlefeuer. Dort wird das Fleisch dann so lange gnadenlos gebraten, bis es knusprig ist und das letzte Fliegenei das Zeitliche gesegnet hat. Dazu gibt es „shatta“, eine scharfe Pampe aus Chilis und Salz. Geschmacklich ist mir der Höcker als kross, fettig und scharf in Erinnerung geblieben – ein typisches Männeressen.
Das bestätigte auch mein sudanesischer Begleiter, der mit Augenzwinkern erzählte, dass Kamelhöcker auch dafür bekannt sei, dass es „Tinte auf den Füller“ gebe. Ich habe allerdings den Eindruck, dass viele Männer in arabischen Ländern nicht an zu wenig Tinte auf dem Füller leiden, sondern an der Gelegenheit, die Tinte auch loszuwerden, das nur am Rande.
Toll fand ich die sudanesische Sitte, mit den Fingern zu essen – das gibt wirklich ein ganz anderes Gefühl fürs Essen. Nur einmal habe ich es bereut, als es Assida (eine Art Grießbrei, der als Beilage zu vielerlei Saucengerichten gegessen wird) mit einer Sauce aus getrockneten Fischen gab. Geschmacklich war die Sauce recht intensiv, aber nicht unangenehm. Meine Finger aber stanken danach für Tage so bestialisch, dass mir meine Mitbewohner schließlich mit Zwangsauzug drohten. Daraufhin musste ich meine Geheimwaffe ziehen und bayerischen Kartoffelsalat für sie zubereiten.
Dieser kurze Einblick in die sudanesische Küche wäre nicht komplett ohne ein Wort zu den Wassermelonen, auf Arabisch batih. Was den Franzosen ihr Käse nach dem Essen, ist für die Sudanesen die Wassermelone – ohne sie gilt kein Essen als komplett. Die Melonen sieht man überall zu riesigen Bergen getürmt und sie sind wirklich supersaftig, superlecker.

Restauranttipp

Das einzige Restaurant, das ich bislang entdeckt habe, das sich sudanesische Küche auf die Fahne geschrieben hat, ist der Nil-Imbiss. Davon gibt es zwei Filialen, eine in Kreuzberg und eine in Friedrichshain.
Das Essen ist recht lecker, auch wenn ich die Tamiye-Soße immer etwas zu flüssig finde. Und recht erdnusslastig – das ist allerdings nicht verwunderlich, denn auf arabisch heißt die Erdnuss auch „ful sudaniyye“, also „sudanesische Bohne“. Einen Besuch ist es aber auf jeden Fall Wert. Unbedingt probieren sollte man dann den Hibiskustee (Karkade) – das ist das sudanesische Nationalgetränke und echt lecker.

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