Küchenphilosophie 1 – Vegan oder Weltuntergang?

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Zu Veganern habe ich ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits finde ich die intensive Beschäftigung mit Kochen & Essen, die manchmal fast zwanghafte Züge annehmen kann, erst einmal sympathisch – mir geht es schließlich nicht anders. Vegane Rezepte finde ich oft spannend & eine Bereicherung für jede Küche. Gleichzeitig finde ich den missionarischen Eifer, den manche Veganer an den Tag legen, aber ziemlich erschreckend.

Da wird man als Fleischesser schon mal in eine Reihe mit Nazi-Mitläufern gestellt – das ist jetzt keine Übertreibung, sondern ist unter anderem im Bestseller von Melanie Joy „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ zu lesen. So wie die Mitläufer damals schwiegen, obwohl sie die dunklen Rauchwolken aus den Kaminen der KZs aufsteigen sahen, so schweigen wir heute, auch wenn wir die Tiertransporter durch unsere Städte fahren sehen und die Bilder von qualvoll geschlachteten Hühnchen im Fernsehen laufen.

Gegen diese Argumente ist man natürlich erst einmal machtlos. Und natürlich werden bei jedem gefühlsmäßig nicht völlig abgestumpften Menschen die Horrorbilder der modernen Tierhaltung Entsetzen und Mitleid auslösen. Dazu kommt noch der zerstörerische Einfluss, den die Massentierhaltung mancherorts auf unser Ökosystem hat.
All das sind gute Argumente – aber eben auch nicht mehr. Argumente sind keine unumstößlichen Wahrheiten. Argumente sind Werkzeuge in einer Auseinandersetzung. Mit Argumenten will man ein Ziel erreichen. Das Ziel von dergestalt argumentierenden Menschen ist es, dass auch alle anderen Menschen kein Fleisch mehr essen und Tiere die gleichen Rechte wie Menschen bekommen sollten.

Ich teile dieses Ziel nicht.

Dazu liebe ich all die kulturellen Traditionen viel zu sehr, die rund um den Fleischgenuss in aller Welt entstanden sind. Und dazu bereitet mir der Genuss von Fleisch viel zu große Freude, seelisch wie körperlich. Das bedeutet nicht, dass ich all die Auswüchse der modernen Agroindustrie kritiklos gutheiße. Ich halte die Probleme aber für lösbar, ohne dass wir alle ernährungsmäßig auf „vegan“ gleichgeschaltet werden müssen. Das bedeutet auch nicht, dass ich für alle Zeiten ausschließe, mich fleischlos zu ernähren. Gleichzeitig lasse ich mich aber auch nicht in ein „entweder-oder“-Schema pressen, nach dem Motto: Wenn Du nicht für vegane Ernährung bist, dann bist Du ein Teil des Schurkensystems. Wer mir sagt, ich sei ein Schuft und Verbrecher, weil ich Fleisch esse, ist für mich nichts anderes als ein Gesinnungsfanatiker.

Oder um den von mir geschätzten Harald Martenstein zu zitieren: „Ist es möglich, durch rigorosen Verzicht auf alles, was Spaß macht, die Welt zu retten? Nun, wenn es so ist, dann bin ich vielleicht dafür, dass die Welt untergeht.“

8 Gedanken zu “Küchenphilosophie 1 – Vegan oder Weltuntergang?

  1. Das Zitat am Ende ist gut. Muss ich mir merken. 😉
    Vielleicht mal noch eine andere These, die ich schon länger mit mir rumtrage, aber noch nie zu einem Blogartikel ausgewalzt habe, weil es doch sehr komplex ist und auch noch ein wenig was am sachlichen Unterbau fehlt: Veganismus und Tierschutz haben sowas von nichts miteinander zu tun.

    Ich halte ja echten, militanten Veganismus eher für eine Verhaltens- und/oder Ernährungsstörung, aber das nur nebenbei. Außerdem fördert Veganismus die industrielle Nahrungsmittelproduktion und ist kontraproduktiv, was zum Beispiel die Erzeugung von Bio- oder einfach nur natürlicher Nahrung betrifft.

    Wobei natürlich unwidersprochen ist, dass in unserer heutigen Tieraufzucht einiges schief läuft, um es mal positiv zu formulieren. Dagegen muss man was machen, besser heute als morgen. Aber Veganismus ist der falsche Weg und überhaupt nicht zielführend. Wenn ich mir im Schraubstock den Finger einklemme, kann ich mir natürlich den Finger abschneiden. Ich könnte aber auch den Schraubstock wieder öffnen …

    Als die IPhones raus kamen und ein Erfolg wurden, gab es einen Witz, den man wunderbar auf die Veganer adaptieren kann, spielen doch beide Varianten auf deren ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) an: Woran erkennt man, ob der Gegenüber ein Veganer ist? Er erzählt es einem.

    Das schlimme ist ja nur, dass selbst die Carnivoren tendenziell ein immer gestörteres Verhältnis zum Fleisch haben. Neulich las ich darüber mal einen interessanten Artikel. Die Entwicklung geht dahin, dass wir nur noch das Fleisch essen, was nicht nach Tier aussieht. Dabei sind wir übrigens die einzigen (neben den US-Amerikanern), bei denen sowas erkennbar ist. Als letzte, steilste These sei hier erwähnt, dass an diesen ganzen Missständen Walt Disney schuld ist. Seit dem in seinen Filmen die Tiere reden, werden sie zu stark vermenschlicht … 😉

    • Das mit Walt Disney ist ein interessanter Gedanke – mich beschäftigt vor diesem Hintergrund auch seit längerem das Stichwort „Emotion“. Ich habs auch noch nicht ganz ausgearbeitet, aber hier schon einmal ein paar Stichworte:

      Wenn ich einem Tier oder einem Menschen Schmerz zufüge, dann merke ich das schnell an der dazugehörigen Emotion – der Mensch schreit oder weint, die Katze faucht und der Hund jault und knurrt.
      Eine Pflanze reagiert auch auf Verletzung, aber eben in einer Form, die wir nicht unmittelbar erfassen können – chemische Botenstoffe werden ausgeschüttet, ein unhörbares Brummen geht durch Bäume oder das Wachstum verlangsamt sich. Alles aber nicht dazu geeignet, wirkliche Emotionen bei uns auszulösen.

      In unserem Alltag beobachte ich eine seltsame Mischung aus Über-Emotionalisierung und extremer Versachlichung. Über-Emotionalisierung bedeutet, dass uns aus jeder Werbebotschaft entgegenschreit, wie toll, spannend, aufregend, überwältigend und schön unser Leben doch in jeder Minute sein sollte. Und im Alltag ist halt doch wieder jede Woche Montag.

      Und in der Politik, in der die wichtigen Entscheidungen über die Rahmenbedingungen gefällt werden, ist alles extrem versachlicht – da wird darüber entschieden, ob wir 0,7% oder 0,9% unseres BIP für Entwicklungshilfe ausgeben, obwohl dahinter Menschleben und Schicksale stecken.

      Das ist für mich gleichzeitig die Achillesferse & die Stärke der Demokratie – sie hilft dabei, Gefühle wie Wut, Hass oder Rache in Zaum zu halten. Gleichzeitig eignet sie sich wahnsinnig schlecht dafür, Emotionen hervorzurufen. Wir beschließen begrenzte Sanktionen gegen Russland, um damit die Ukraine zu stärken – sachlich, rational, nüchtern.
      Putin dagegen kämpft gegen die faschistische Aggression aus dem Westen – das ist eine kraftvolle Emotion und weckt bei einigen den Wunsch, das auch wieder hier bei uns zu haben.

      Was jetzt das Thema Veganismus und Tierrechte angeht, würde ich mir wünschen, etwas weniger Emotion in dem Thema zu haben beziehungsweise etwas mehr Empathie für Menschen und nicht nur für Tiere. Wer einem anderen Menschen sagt, er sei dumm, der wird die Meinung dieses Menschen kaum ändern. Wer aber einem anderen Menschen sagt, „komm, ich zeig Dir was“ und das Interesse für Neues weckt, der hat eine Chance, wirklich etwas zu verändern. In diesem Sinne würde ich mir vor einigen Veganern mehr Begeisterung für die eigene Sache und etwas mehr Respekt für Andersdenkende bzw. etwas weniger emotionales Drama wünschen.

      Viele Grüße, Markus

      • Es ist doch erstaunlich, wenn man mit echtem philosophischem Ansatz denkt, wohin man überall kommt und was Zusammenhänge oder doch Parallelen aufweist. Um dann nicht nur zu philosophieren, sollte man bei entsprechenden Diskussionen doch auf Zielführung der Wege achten.

        • Ja, das ist ein schwerer Fall von AHIMAZ, wie ein Lehrer von mir immer zu sagen pflegte. AHIMAZ = Alles Hängt Irgendwie Mit Allem Zusammen. Wenn am Ende des Weges dann ein Schlückchen Rotwein wartet, solls mir recht sein :-)

  2. Aha,
    mal wieder ein Veganer-Bashing. Ist ja auch recht einfach, gell?! Erinnert aber durchaus, und auch in der Argumentationslogik, an die generelle Kritik am Islam (wo Ihnen der verehrte Herr Martenstein bestimmt auch zustimmen würde): Man beteuert erst mal seine Offenheit, zieht sich dann unter dem altbekannten ABER eine radikale Randposition heran, und polarisiert genüsslich gegen den „grundlegenden“ Fanatismus derjenigen, die etwas verändern wollen. Bravo.

    Mit freundlichen Grüßen
    Sonja Uhland

    • Guten Abend Frau Uhland,

      vielen Dank für Ihr Feedback, auch wenn ich mich darin nicht ganz erkannt fühle. Anders als Sie vermuten, halte ich das Engagement von Menschen, die eine vegane Lebensweise propagieren und damit gesellschaftlich etwas ändern wollen, für völlig legitim – weil ich selbst diese Ziele aber nicht teile, setze ich mich für das Gegenteil ein.

      Das ist normal, das ist ein Widerspruch, der zur Demokratie gehört. Dasselbe gilt für den Islam – hier bin ich beispielsweise ein deutlicher Befürworter des Einsatzes vieler Muslime, die für die Anerkennung als staatliche Religionsgemeinschaft in Deutschland kämpfen (ich bin mir fast sicher, dass ich Herrn Martenstein hier an meiner Seite hätte).

      Und ich habe genug Zeit in muslimisch geprägten Ländern verbracht, um sagen zu können, dass es „den“ Islam ebenso wenig gibt wie „das“ Christentum oder „das“ Judentum. All diese Begriffe sind nur Sammelbegriffe für eine Vielzahl von Strömungen, Traditionen und Geschichten, hinter denen letzten Endes immer Menschen stehen, mit all ihren liebenswerten und weniger liebenswerten Seiten.

      Was mir aber tatsächlich gegen den Strich geht, ist eine bestimmte Form des Missionarismus, der mir ab und an in Diskussionen mit vegan lebenden Menschen begegnet. Der darin mitschwingende Unterton signalisiert mir, dass ich als Fleischesser eine Art Untermensch sei, der noch nicht den Weg zur Erleuchtung gefunden hat. Ein Argumentationsmuster, das ich im Übrigen auch bei etlichen Anhängern von Esoteriklehren wiederfinde und bei anderen wahrlich „Erleuchteten“.

      Das trifft bei weitem nicht auf alle Veganer zu und ich habe keinen Anhaltspunkt, dass das bei Ihnen so ist. Ich sehe sehr wohl, dass es gute Argumente gibt, keine tierischen Produkte mehr zu nutzen und ich respektiere die persönliche Entscheidung von jedem & jeder, das so zu halten. Ich wünsche mir den gleichen Respekt aber für meine Entscheidung, das nicht zu tun und mit dem Fleischgenuss eine kulturelle & kulinarische Tradition am Leben zu erhalten, die ich für wertvoll erachte.

      Mit besten Grüßen, Markus Zens

  3. Sehr geehrter Herr Zens,

    Sie wollen sich nicht in ein „entweder-oder-Schema“ pressen lassen und bedienen es doch. Warum die ganze Nazi-Rhetorik? Sie kritisieren sie und benutzen sie dann ebenfalls genüsslich. Warum die Betonung der Pluralität (…„um sagen zu können, dass es „den“ Islam ebenso wenig gibt wie „das“ Christentum oder „das“ Judentum.“), wenn Sie dann doch auf den „einen Aspekt“ der veganen Ernährung herumhacken.

    Sicher gibt es unter den Veganern einige laute Stimmen, die einen missionarischen und mitunter schwer zu ertragenden Eifer an den Tag legen. Aber zeigen sie mir eine positive politisch-gesellschaftliche Entwicklung, bei der es in der Anfangsphase anders war. Vielleicht braucht es diese aktiven und oft scheuklappentragende Menschen, um Dinge voranzubringen.

    Wenn die Veganer dazu beitragen, unserem Umgang mit tierischen Lebensmitteln zu hinterfragen, ist jedenfalls schon viel erreicht. Es mag ja sein, dass Sie einen vernünftigen Konsum praktizieren, aber ein Großteil der Menschen tut dies eben nicht. Hier ist Aufklärungsarbeit gefragt und keine polemische Zuspitzung auf Kosten einer Minderheit. Mit Artikeln wir dem ihrigen tragen Sie jedenfalls auch nicht zu einer gelassenen wie konstruktiven Diskussion zu diesem Thema bei.

    Mit Gemüsesaftgestärkten Grüßen
    Ihre Sonja Uhland

    • Sehr geehrte Frau Uhland,

      noch einmal vielen Dank für Ihr Feedback – ich finde es spannend, mir über Ihre Einwände Gedanken zu machen. Sie haben natürlich recht, ich habe für meinen Artikel eher extreme Argumente gewählt, ganz einfach, um die Unterschiede deutlicher herauszukristallisieren. Gleichzeitig empfinde ich meine Argumentation als vergleichsweise gelassen, das mag aber im Auge des Betrachters liegen.

      Mir liegt allerdings ein Punkt am Herzen, den ich in Ihrer Kritik bisher noch vermisse: Aus Ihrer Argumentation und der von anderen Veganern spricht für mich der Wunsch, dass möglichst alle Menschen aus Vernunftsgründen und Gründen der Empathie zu dem Schluss kommen mögen, freiwillig auf Tierprodukte zu verzichten. So verstehe ich Ihren Hinweis mit der Aufklärungsarbeit.

      Damit laden Sie für meinen Geschmack aber dem einzelnen Menschen zu viel Ballast auf, während sie die Politik und die Großbetriebe hier ungerechtfertigterweise aus der Verantwortung entlassen. Und in der Konsequenz weitergedacht, geht mir dieser Ansatz zu sehr in die Richtung einer „Gesinnungskontrolle“, die ich im Artikel erwähnt hatte.

      Ich möchte aber nicht, dass ich mich für die Gier auf eine Currywurst schämen muss. Und ich möchte auch nicht als einzelner für das Wohl und Wehe der Welt verantwortlich sein. Ich bin dagegen sehr wohl dafür, dass die Rahmenbedingungen, unter der die Currywurst hergestellt wurde, für Mensch und Tier so erträglich wie möglich gestaltet werden. Wenn das heißt, dass die Currywurst teurer wird, weil damit angenehmere Ställe und bessere Arbeitsbedingungen für die Fleischer bezahlt werden, dann wäre es mir das Wert.

      Mein Wunsch wäre es, hier gemeinsam mit Veganern, Vegetariern, Flexitariern und willigen Fleischessern an einem Strick zu ziehen – das fällt mir angesichts scheuklappentragender Aktivisten aber schwer, ganz einfach, weil ich mich damit nicht identifizieren kann und mich in meinem Wesen dadurch angegriffen fühle.

      Ich erlaube mir daher frecherweise, Ihr letztes Argument in meinem Sinne umzudeuten: Wenn „übereifrige“ Veganer damit anfangen, die moderaten Fleischesser als ihre Verbündeten zu sehen anstatt als Gegner, dann ist aus meiner Sicht viel gewonnen. Und das Mittel der polemischen Zuspitzung ist mir in dieser Hinsicht lieb, weil ich ab und an auch Spaß an schärfer gewürztem Essen habe. Als Minderheit, die Gefahr läuft, unterdrückt zu werden, habe ich Veganer bisher nicht wahrgenommen.

      Passenderweise müsste ich jetzt natürlich mit einem „schnitzelgestärkten Gruß“ schließen, aber bei dem Wetter wäre mir ein Gemüsesaft auch lieber, glaube ich. In diesem Sinne, zum Wohle

      Ihr Markus Zens

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